SoundPipes

Auf der Suche nach besonderen Ausdrucksformen für ihr Instrument suchte die Saxophonistin nach einer ungewöhnlichen, überraschenden Ergänzung. Gerade der Umstand, dass sich mit der mächtigen Orgel und ihrem Kirchenschiff-füllenden Klang sowie dem daneben geradezu filigran wirkenden Saxophon zwei Instrumente zu vereinen trachten, die nicht gerade für ein Duett geschaffen schienen, macht für sie den besonderen Reiz ihres Strebens nach neuartigen musikalischen Erlebnissen aus.

Im Zentrum der Arbeit stehen derzeit Transkriptionen des Barock (Bach, Händel, Telemann), Originalkompositionen von z.B. Bernhard Kroll oder Guy de Lioncourt und eigene Bearbeitungen, wobei hier das koreanische Programm mit Volks- und Kunstliedern aus Korea einen Schwerpunkt ihrer Arbeit darstellt.

Besondere Sorgfalt gilt dabei einem ganz speziellen Klang: Während die meisten zeitgenössischen Saxophon-und-Orgel-Projekte mit einer spezifisch darauf ausgerichteten Saxophon-Intonation eher jazzmäßig angelegt sind, verfolgt "soundPipes" einen "klassischen" Ansatz - die dabei angestrebte besonders weiche und warme Spielart des Blasinstruments ergänzt sich besonders harmonisch mit der die Fülle ihrer Register nutzenden Orgel.

Orgel und Saxophon - wächst da zusammen, was nicht zusammen gehört? Das eine, von Klang und Größe einem ganzen Orchester gleich, ein Instrument unvergleichbarer Immobilität, für das Kirchenschiffe entworfen und Konzertsäle zugeschnitten werden wie Maßanzüge. Das andere ein Sinnbild geradezu für mobiles Musizieren: Die Marschbands in den Straßen des French Quarters von New Orleans - noch heute in der zerstörten Metropole undenkbar ohne Saxophon; der Reggae- Musiker aus Jamaika, der mit dem "Sax" am Band im Londoner Hyde-Park für ein paar Schilling aufspielt; und Militärkapellen in aller Welt, deren prächtigen Paradeuniformen sich in dem blank geputzten Metall dieser Blasinstrumente spiegeln, die einst eigens für sie erschaffen wurden. Und während das Saxophon, eines der jüngsten Orchesterinstrumente überhaupt erst Mitte des vorletzten Jahrhunderts für die kommerzielle Massenfertigung erfunden wurde, baute man Orgeln über Jahrhunderte vor allem zum Lob und Preis Gottes und zur sakralen Erbauung der Gläubigen - das krasse Gegenteil jeden kommerziellen Musikbetriebs.

Und doch sind Orgeln, von denen viele ihre Organisten überragen wie Reihenhäuser ihre Bewohner, und Saxophone, die ihren Musikanten als Handgepäck noch an das entfernteste Fleckchen Erde begleiten können, nahe Verwandte: Ihr Urahn ist das älteste je gefundene Musikinstrument, eine etwa 30000 Jahre alte Flöte aus Mammutbein, die in einer Höhle bei Blaubeuren entdeckt wurde. Wie diese gehören auch Orgel und Saxophon zur Gattung der Holzblasinstrumente. Und wie die beinerne Urflöte belegen die Metallpfeifen der Orgel und die aus Messing oder anderen Metallen getriebenen Körper der Saxophone, dass nicht die beim Instrumentenbau verwendeten Materialien sondern die Art der Tonerzeugung die Unterscheidung zwischen Blech- und Holzblasinstrumenten bestimmt.

Auch die ersten "Blechbläser" spielten nicht etwa auf metallenem Gerät sondern auf Kuh-, Stier- oder Widderhörnern. In ihnen brachten sie - wie der Trompeter heute - eine Luftsäule zum Schwingen, die das Instrument ungeteilt vom Mundstück bis zur Schallöffnung durchläuft, und deren Länge, besonders deutlich sichtbar am Zug der Posaune, vor allem den Klang bestimmt. Holzbläser hingegen modulieren ihre Töne, in dem sie den Luftstrom teilen und partiell aus verschiedenen Öffnungen ableiten. Die Pfeifen der Orgel funktionieren nach diesem physikalischen Prinzip. Und beim Saxophon erzielen das im Luftstrom des Mundstücks vibrierende Holzrohrblättchens und die Ventilklappen die gleiche Wirkung.

Auch wer auf einem Kamm oder einer Flasche bläst , spielt technisch ebenso ein "Holz"-Blasinstrument wie der Organist oder der Saxophonist. Gleichwohl sind Orgel und Sax durch die Musikgeschichte hindurch einander fern geblieben. Belebungsversuche kirchlicher Rituale wie "Jazz im Gottesdienst" sowie das eine oder andere Orchesterstück, an dem diese ungleichen Gattungsgeschwister teilhaben, sind bislang wohl die einzigen Gelegenheiten, bei denen die beiden Instrumente aufeinander trafen. SoundPipes will dieses interessante Brachland beackern.